Seit gut 20 Minuten läuft die vorletzte Runde unseres 4. Freundschachts-Opens hier im Wittelsbacher Schloss zu Friedberg. So ganz allmählich beginnen auch die ersten Rechenspiele um Platzierungen, Feinwertungen und Ratinggruppen. Unsere Spielerinnen und Spieler werden in dieser Runde die Weichen stellen für das große Finale am morgigen Tag: Wir berichten für Euch live vom Geschehen auf den 64 Feldern, die die Welt bedeuten.
Am Spitzenbrett sitzen sich der Vorjahreszweite IM Vadym Petrovskiy und Rafael Martin Fernandez gegenüber. Schnell werden die Eröffnungszüge herausgeblitzt: Klassisches Sizilianisch soll der Schauplatz dieses Duells sein – beste Voraussetzungen also für einen scharfen Kampf auf drei Ergebnisse.
Dr. Martin Killmann vom SC Jäklechemie Talente Franken tritt an Tisch 2 gegen GM Li Min Peng an. Auf Martins Aufschlag mit 1.d4 und 2. c4 antwortet Schwarz mit dem sofortigen Königsfianchetto und hält sich damit noch verschiedene Übergänge offen.
Stanislaw Berlizov und Lokalmatador Quang Bach Duong fechten den Strauß an Brett 3 aus: Quang variiert seine Eröffnungswahl im Vergleich zur Runde 4 und lenkt über Zugumstellung in ein abgelehntes Damengambit ein. Stanislaw tauscht daraufhin auf d5 ab; die resultierende Karlsbader Struktur gibt nun für beide Parteien die Richtung vor: Klassischerweise startet der Anziehende einen Minoritätsangriff am Damenflügel, während der Schwarzspieler sein Heil am Königsflügel sucht.
Zuschauen lohnt sich an Tisch 21: Bei Lokalmatador Alexander Schindler brennt das Brett schon wieder. Was als Bauernopfer in der Zweispringer-Verteidigung begann, wurde nach und nach zu immer mehr Material, das der Nachziehende ins Geschäft steckte. Nun hat Weiß ganze fünf (!) Bauern mehr und dazu noch eine Qualität, doch Alexander hat fast alles á tempo gezogen – offenbar also eine von ihm ausanalysierte Variante. In der Tat sind alle verbliebenen schwarzen Figuren (Läuferpaar, Springer und Turm) äußerst aktiv, während bei Andreas Hohoff noch die komplette Armee in der Kaserne geblieben ist, von einem Läufer auf h6 einmal abgesehen. Auf beiden Flügeln droht Schwarz aktuell mit Turmgewinn. Dieses Brett sollte man auf jeden Fall im Auge behalten.

Hohoff – Schindler nach dem 18. Zug von Weiß: Eine solche Materialverteilung sieht man wahrlich nicht alle Tage.
An Brett 9 zeigt Georg von Zimmermann seinem Gegner Lutz Kemp die Zähne des Londoner Systems: Nach einem missglückten schwarzen Abtausch im Zentrum thront ein weißer Springer auf d6, unterstützt von seinem Kollegen auf e4. Die f-Linie ist vollständig geöffnet, der schwarze Monarch auf f8 folglich sehr luftig. Das wird hier ziemlich sicher schiefgehen für den Nachziehenden.
Ein folgenschweres Versehen ist Lokalmatador Maximilian Döbel an Tisch 12 unterlaufen: In ausgeglichener Stellung verstellte er mit einem Springermanöver seine Grundreihe, sodass Kurt Kaufmann den schwarzen Läufer auf c8 einfach schlagen konnte. Maximilian gab daraufhin sofort auf – schade, aber solche Fingerfehler sind vermutlich jedem schon passiert. Morgen Vormittag werden die Karten dann wieder neu gemischt; einstweilen bleibt, die Wunden zu lecken.

Nach 11…Se8 hängt der Lc8 einfach – der Anziehende ließ sich nicht zweimal bitten und schlug mit 12.Dxc8 zu.
In der Spitzenbegegnung haben beide Kombattanten lang rochiert. Rafael Martin Fernandez muss einen rückständigen Bauern auf d6 verwalten, der vom Anziehenden belagert werden kann. Der weiße Springer auf f5 wirkt gefällig, doch auch sein schwarzes Gegenstück auf c4 steht gewiss nicht unzweckmäßig. Der Lf8 des Nachziehenden harrt noch einer Betätigung, dafür hat Rafael alle Schwerfiguren am Damenflügel zusammengezogen. Insgesamt macht die Position von IM Vadym Petrovskiy dennoch den harmonischeren Eindruck.
GM Li Min Peng hat sich gegen Dr. Martin Killmann für eine Variante mit frühem c7-c5 und anschließendem Lxc3 entschieden. Als Gegenwert für die Aufgabe seines Fianchettoläufers hat der Großmeister die weiße Struktur am Damenflügel nachhaltig zerstört und mit seinen agilen Springern alsbald auch einen der beiden c-Bauern des Anziehenden gewonnen. Martin kann seinerseits auf die geschwächten schwarzen Felder im Lager seines Kontrahenten verweisen, die sich seine Leichtfiguren sicherlich gerne näher ansehen würden. Keine ganz alltägliche Position, die den Zuschauern hier geboten wird.
Quang Bach Duong hat Stanislaw Berlizov mittlerweile 35 Minuten auf der Uhr abgenommen. Auf dem Brett folgen beide Seiten der eingangs skizzierten Aufteilung: Weiß ist um Fortschritte am Damenflügel bemüht, Schwarz wendet seine Aufmerksamkeit eher dem Königsflügel zu.
Nach 20 Zügen ist Feierabend bei von Zimmermann – Kemp: Wie zu erwarten stand, bekam der schwarze Monarch alsbald Besuch von den versammelten weißen Truppen. Den finalen Abschuss seines Königs wollte Lutz Kemp sich nicht mehr zeigen lassen und reichte die Hand zur Aufgabe. Nach seiner Auftaktniederlage hat Georg von Zimmermann sich mit 4½/5 wieder stark im Turnier zurückgemeldet und wird morgen noch ein Wörtchen um die Preisgeldränge mitsprechen wollen.

Endstellung bei von Zimmermann – Kemp: Der schwarze Monarch wird fallen.
Vom Schwarzspieler selbst für das Blog vorgeschlagen wurde die Begegnung zwischen Daniel Kossa und Eugen Nerlich. Was ebenfalls als Londoner System begann, wurde alsbald in eine klassische Königsindisch-Struktur transformiert. Hier fand sich der Nachziehende dann deutlich besser zurecht als sein Gegenüber und konnte nach dem thematischen Bauernsturm am Königsflügel die Partie mit einem hübschen Damenopfer beenden. Eugen steht damit bei 3½/6, Daniel kann mit einem Sieg morgen noch die 50 Prozent erreichen.

In typisch königsindischer Manier schlug der Schwarze hier zu in Kossa – Nerlich: 25…Dxh2+ nebst Matt im nächsten Zug.
Am Spitzenbrett wird mittlerweile ein Endspiel mit Turm und Springer bei Weiß gegen Turm und Läufer aufseiten des Nachziehenden diskutiert. Beide Seiten verfügen noch über jeweils sechs Bauern, Schwarz dazu über knapp zehn Minuten Zeitvorteil. Der Läufer ist formal der „schlechte“, dafür kontrolliert Rafael momentan die d-Linie. Auf IM Vadym Petrovskiy wartet hier noch ein hartes Stück Arbeit, will er seinen Gegner niederringen, der seinerseits aber wohl maximal auf ein Remis hoffen kann.
Ganze 40 Minuten beträgt inzwischen der Zeitvorteil GM Li Min Pengs. Auch er spielt mit einem guten Springer gegen einen formal schlechten Läufer und verfügt dazu nach wie vor über einen Mehrbauern. Ein Durchkommen für den schwarzen König ins weiße Lager ist bislang noch nicht zu sehen, da Dr. Martin Killmann die Einbruchsfelder mit seinen Bauern kontrolliert. Ihm steht hier allerdings eine lange Verteidigungsschlacht bevor, in der er wohl bestenfalls ein Unentschieden erzielen kann.

Dieses Endspiel kann Schwarz ewig kneten – wahrlich kein Spaß für den Anziehenden, erst recht nicht gegen einen Großmeister.
Sogar 50 Minuten Zeitvorsprung hat sich Quang Bach Duong erarbeitet. Sein Kontrahent Stanislaw Berlizov belagert den rückständigen schwarzen Bauern auf c6, der infolge des Minoritätsangriffs entstanden ist. Die schwarzen Figuren haben sich am Königsflügel versammelt; möglicherweise wird hier bald ein Figurenopfer folgen.

St. Berlizov – Duong: Quang setzte hier konsequenterweise mit 32…Sxg3 fort.
Zu Ende gegangen ist die Begegnung zwischen Andreas Hohoff und Alexander Schindler. Nach dem Rückgewinn eines Turmes und eines Bauern entschied sich Alexander dafür, durch Zugwiederholung in den Remishafen einzulaufen, anstatt mit aktiven Figuren und einer Figur für vier Bauern weiter auf Sieg zu spielen. Beide Spieler kommen damit vor der letzten Runde auf 3½ Punkte und hatten nach ihrer Partie ein Lächeln im Gesicht – vielleicht aus Erleichterung, vielleicht aber auch, weil ihnen diese Partie einfach Spaß gemacht hat.
Von Tisch 3 erreicht uns ein Ergebnis: Stanislaw Berlizov besiegt auch Quang Bach Duong und setzt sich vorübergehend mit 5/6 an die Tabellenspitze. Stanislaw knüpft damit an seine bärenstarke Leistung aus dem Vorjahr an, als er in der Endabrechnung auf Rang sechs landete, und wird im Kampf um die Preisränge erneut eine gewichtige Rolle spielen. Für Quang dagegen bedeutet diese Niederlage gegen einen nominell schwächeren Gegner einen herben Rückschlag für seine Turnierambitionen.
Stanislaw Berlizovs Tabellenführung währte nur kurz: Mit seinem Sieg über Rafael Martin Fernandez in der Spitzenpartie der laufenden Runde überflügelt IM Vadym Petrovskiy den Beilngrieser wieder um einen halben Punkt. 5½/6 sprechen eine klare Sprache: So spielt ein Anwärter auf den Turniersieg. Aber auch Rafael liegt mit 4½/6 aussichtsreich im Rennen um die Platzierungen.

Die Schlussstellung bei IM Petrovskiy – R. Martin Fernandez: Schwarz gab auf.
Demnächst zum Tabellenführer aufschließen dürfte auch GM Li Min Peng. Er spielt inzwischen mit König und drei Freibauern gegen König und Läufer. Alle schwarzen Bauern unter Kontrolle zu behalten, sollte für den weißen Läufer nicht machbar sein.
Und so kommt es auch: GM Peng gewinnt und steht nun wie sein Schüler bei 5½ Punkten.
Gerade gibt es an den Brettern spannende Zeitnotschlachten zu sehen – Zuschauen wärmstens empfohlen! Insgesamt laufen noch ein gutes Dutzend Partien, vorne wie hinten im Turnierfeld.
Ein Turmendspiel mit g- und h-Bauern sowie weißem Mehrbauer auf a6 bekommen die Zuschauer an Tisch 30 zwischen Max Reuter und Gerhard Späth geboten. Max sucht angestrengt nach einem Weg, dem Schachregen des schwarzen Turmes zu entkommen, und erspäht für seinen König einen Zufluchtsort im Schatten des a-Bauern. Dass er dafür den g2-Bauern zurückgeben musste, kann er gewiss verschmerzen, denn sein Freibauer wird nun nur noch unter Turmopfer aufzuhalten sein, während der König seines Kontrahenten zu weit von den eigenen Bauern am Königsflügel entfernt steht. Hier wird das Ergebnis wohl „1:0“ lauten.
Jawohl, Max Reuter gewinnt und steht jetzt bei ordentlichen 4/6. Bereits 5/6 und damit Tuchfühlung zur Tabellenspitze hat Lokalmatador Vincent Blodig, der gegen den vereinslosen Jens Plathen im Endspiel die Überlegenheit des Läuferpaares unter Beweis stellte. Gerade eingetroffen ist ferner das Ergebnis von Tisch 8: FM Nikolas Schenk-Pogan siegt über Jan Kermer und reiht sich damit in die Riege der Spieler mit 4½ Punkten ein.
Nach knapp 4½ Stunden laufen noch drei Partien. Tisch 14, Kadir Özden gegen Robert Vučković, und Tisch 16, Dominik Bachhuber gegen Alexander Savchuk, dürften wohl demnächst enden – Kadir spielt ein Turmendspiel mit zwei verbundenen Freibauern mehr und Alexander hat eine zusätzliche Leichtfigur auf dem Brett. Eine längere Sitzung bahnt sich hingegen an Brett 51 an, wo Erik Schaffer ein Damenendspiel mit Mehrbauer zu gewinnen versucht. Sein Kontrahent Marius Dennerlein fragte eben vorsorglich schon einmal bei Hauptschiedsrichter Fabian Wölfle an, welche Voraussetzungen für eine Remisreklamation nach der 50-Züge-Regel genau erfüllt sein müssten.
Kadir Özden führt sein vorteilhaftes Turmendspiel gegen Lokalmatador Robert Vučković zum Sieg und schraubt sein Punktekonto auf 4½ Punkte hoch.
Und auch die Begegnung an Tisch 51 ist vorbei: Erik Schaffer und Marius Dennerlein einigen sich kurz vor Erreichen der 50-Züge-Grenze ohne Schlag- oder Bauernzug auf ein ausgekämpftes Unentschieden. Zuletzt kämpfen nun noch Dominik Bachhuber und Alexander Savchuk an Brett 16. Letzterer besitzt nach wie vor eine Mehrfigur im Leichtfigurenendspiel, lebt aber nur noch von seinem Inkrement.
Und in horrender Zeitnot stellt Alexander seine Mehrfigur ein. Sichtlich enttäuscht macht er nun noch ein paar Züge im Endspiel mit Läufer gegen Springer ohne jeden Bauern.
Jetzt ist das Unentschieden amtlich. Damit ist die vorletzte Runde des diesjährigen Freundschachts-Opens komplett und wir gehen an die Vorbereitungen für das große Finale morgen Früh um 9 Uhr. Für heute beenden wir unser Liveblog, bedanken uns fürs Mitlesen und freuen uns schon darauf, Euch morgen noch einmal bei uns begrüßen zu dürfen. Einen schönen Abend Euch!


Schreibe einen Kommentar