Bühne frei zur 4. Runde!

Pünktlich um 15 Uhr pfeift Schiedsrichter Samuel Blodig die heutige Nachmittagsrunde an. Nun ist also schon wieder Halbzeit im Wittelsbacher Schloss zu Friedberg und es gibt eine Menge spannender Paarungen zu sehen. Wir berichten für Euch wieder live vom Spielgeschehen im großen Saal.

Nach gerade einmal sieben Minuten ist die erste Partie auch schon wieder beendet: Mario Müller und Valentino Fendt ziehen einen frühen Feierabend einem scharfen Kampf vor und einigen sich an Tisch 61 nach nur einem Dutzend Zügen auf eine Punkteteilung.

Die Endstellung bei Müller – Fendt.

Am Spitzenbrett treffen FM Lukas Stöttner und GM Li Min Peng aufeinander. Nach knapp einer halben Stunde ist hier noch nicht viel passiert; der Nachziehende hat Bauernkontakt im Zentrum bislang vermieden. Für Erheiterung sorgte indes der Umstand, dass der Großmeister, während er augenscheinlich über seinen nächsten Zug nachdachte, mit seinen Gedanken in Wahrheit bei unserem Schachquiz gewesen zu sein scheint, denn bevor er seinen nächsten Zug ausführte, füllte er auf dem Rätselblatt zielstrebig die Aufgabe 2 aus.

An Tisch 2 gibt es eine Neuauflage des letztjährigen Duells zwischen IM Vadym Petrovskiy und Lokalmatador Quang Bach Duong. Anders als damals wird jetzt eine Ragozin-Verteidigung debattiert; beide Spieler scheinen ihre Theorie zu kennen.

„Symmetrisches Englisch“ lautet die Eröffnungswahl am dritten Brett zwischen FM Nikolas Schenk-Pogan und Markus Böhme aus Uttenreuth. Hier gibt es bisher ebenfalls noch keine besonderen Vorkommnisse zu vermelden.

Sehr wohl bereits etwas passiert ist zwei Tische weiter in der Begegnung zwischen den beiden starken Nachwuchsspielern Emanuel Kaufmann und Rafael Martin Fernandez. In einem klassischen Sizilianer bringt Rafael früh das typische Qualitätsopfer auf c3 an. Üblicherweise positioneller Natur, gewinnt dieses Opfer häufig noch einmal an Kraft, wenn wie hier der weiße König am Damenflügel Zuflucht gesucht hat. Wir sind gespannt, wie diese Partie weiter verlaufen wird.

Ein Wettrennen an entgegengesetzten Flügeln bekommen die Zuschauer bei Moritz Ramming und Lokalmatador Raphael Göttler an Brett 15 geboten. Raphael hat seinen König einstweilen in der Mitte gelassen und seinen g- und h-Bauern Marschbefehl gegen die weiße Rochadestellung gegeben. Moritz seinerseits hat mit seinem c- und b-Bauern am Damenflügel Raum gewonnen. Ein geschlossenes Zentrum wie hier rechtfertigt derartige Flügeloperationen in aller Regel.

Ein Wettlauf der Bauern bei Ramming – Göttler.

Eine wilde Stellung hat sich an Tisch 40 ergeben. Leonas Maximilian Brugger hat gegen Cagan Arhan Hotman früh das Läuferpaar aufgegeben, um den weißen Zentrumsbauern auf d4 einzukassieren. Im weiteren Verlauf ist die schwarze Dame ins weiße Lager eingefallen und hat sich am Turm auf a1 gütlich getan, doch hatte ihre weiße Kollegin eine ähnliche Idee auf der anderen Brettseite – aktuell steht sie auf g7 und der Turm in der Ecke ist todgeweiht. Eine taktisch reichhaltige Position, die die beiden Kombattanten da geschaffen haben.

Brett 58 sieht wieder ein Duell „Jung versus Erfahren“: Andreas Vaas ist seinem Gegenüber Stefan Isaković an Lebensjahren wie an Schacherfahrung weit voraus. Auf den 64 Feldern lässt sich indes noch kein großer Unterschied ausmachen. In einem Jobava-London-System hat Weiß das Läuferpaar erobert, Schwarz dafür die bessere Zentrumskontrolle mit seinen Bauern auf d5 und e5. Es ist immer wieder schön anzuschauen, wie unser Sport Menschen jeden Alters, jeder Sprache und jeder Nationalität zusammenbringt.

Cagan Arhan Hotman und Leonas Maximilian Brugger trennen sich unentschieden. Schwarz hätte wohl eine Möglichkeit gehabt, die Abwesenheit der weißen Dame von ihrem in der Mitte zurückgebliebenen König auszunutzen, doch auch mit der Punkteteilung gegen einen um über 200 Wertungspunkte besser eingestuften Kontrahenten dürfte der Nachziehende nicht unzufrieden sein.

Mit 13…Sd4+ lenkte Schwarz die Partie Hotman – L. Brugger hier in Richtung Remishafen. 13…Ld7 nebst evtl. 0-0-0 wäre eine Option gewesen, neue Kräfte gegen den in der Mitte festsitzenden weißen Monarchen zu mobilisieren.

In der Spitzenbegegnung hat sich inzwischen eine altindische Bauernstruktur ergeben. Wie für diese Struktur typisch, ist die Stellung des Nachziehenden ein wenig beengt, aber sehr fest. Ob GM Peng seinen Gegner erst einmal anrennen lassen und dann einen Konter setzen will?

Bei IM Petrovskiy – Duong hat der nominelle Außenseiter mutig eine Figur ins Geschäft gesteckt. Der weiße König auf f1 blockiert den Turm auf h1, der darum einstweilen außer Spiel bleibt. Der Meister nimmt trotzdem in aller Seelenruhe mit der Dame einen Bauern auf a5. Ob Quang Kompensation für seine Minusfigur wird nachweisen können?

Auch an Tisch 3 hat sich das Spielgeschehen drastisch verschärft: Mit seinem Zug h5-h4 bot Markus Böhme seinem Kontrahenten ein Unentschieden an. Dieser lehnte mit g3-g4 ab, woraufhin Markus einen Läufer auf g4 opferte. Für die Figur hat er zwei Bauern erhalten und die weiße Königsstellung empfindlich geschwächt. Hier wird dem Publikum Kampfschach geboten und wir sind gespannt, wie FM Nikolas Schenk-Pogan fortsetzen wird.

Einen Sieger gibt es bereits an Brett 5, wo Rafael Martin Fernandez eine schöne thematische Sizilianisch-Partie gegen Emanuel Kaufmann gewinnt. Nach dem Qualitätsopfer setzte er schnell den Zentrumsvorstoß d6-d5 durch, der den weißen Läufer auf b3 zum Zuschauer degradierte, und holte dann im passenden Moment neue Kräfte heran. Als sein Gegenüber mit den Bauernvorstößen f4 und g4 endlich einmal selbst aktiv werden wollte, wurde die weiße Dame eingefangen, der die Fluchtmöglichkeiten entlang der 4. Reihe genommen worden waren. Eine überzeugende Vorstellung von Rafael, der mit nunmehr 3½/4 ein gewichtiges Wörtchen um die vorderen Plätze mitsprechen möchte.

Die weiße Dame ist gefangen bei E. Kaufmann – R. Martin Fernandez.

Ebenfalls beendet ist die Begegnung an Tisch 15: Raphael Göttler ließ zu, dass Moritz Ramming die Stellung in der Mitte aufhebeln konnte, wonach sich die aufgezogenen schwarzen Bauern am Königsflügel als schwere Bürde erwiesen. Für einen kurzen Moment bekam der Nachziehende noch einmal die Möglichkeit auf Ausgleich, doch als diese verstrichen war und die schwarze Dame in die Figurenkiste wanderte, war der Zeitpunkt zur Aufgabe für Raphael gekommen. Moritz bessert seine Bilanz damit auf 3/4 auf, Raphael steht bei 50 Prozent der Punkte.

Bei Andreas Vaas und Stefan Isaković ist es dem Anziehenden gelungen, einen gewissen Druck auf die schwarze Position aufzubauen. Andreas‘ Läuferpaar wirkt besser zusammen als Stefans Springerpaar und auch die weißen Türme sind aktiver; lästig sind zudem diverse Fesselungsmotive. Zeitlich nehmen sich beide Kombattanten nicht viel.

Schwarz steht unter Druck bei Vaas – St. Isaković.

Und da endet auch diese Partie: Aus der unbequemen Diagrammstellung heraus zog Stefan 36…Sc5, was eine Qualität hergibt. Sein Gegner spielte den Materialvorteil in der Folge routiniert nach Hause. Trotzdem stark gekämpft und lange gut mitgehalten von dem jungen Augsburger Nachwuchstalent, der mit jedem Turnier an wertvoller Erfahrung gewinnt.

Bei FM Stöttner – GM Peng an Brett 1 wurde die Struktur ein weiteres Mal transformiert: Nun steht ein Altbenoni-Bauerndreieck im Zentrum des Geschehens. Schwarz hat auf d4 einen Springer etabliert und steht zum Bauernhebel f7-f5 bereit; zuvor möchte der Großmeister aber noch seinen durch die Bauern eingeschränkten schwarzfeldrigen Läufer via g5 aktivieren und möglicherweise abtauschen. Für den Anziehenden sind im Moment kaum aktive Spielansätze erkennbar.

An Tisch 2 hat der Weißspieler seinen schlafenden Turm mittlerweile über h3 aktiviert. Quang Bach Duong stemmt sich mit aller Macht dagegen, dass der Anziehende sein materielles Übergewicht hier ausspielen kann, und versucht Drohungen gegen die schwache gegnerische Grundreihe aufzustellen. Ewig wird er den Weißen aber wohl nicht mehr am Ausbrechen hindern können.

Der schlafende weiße Turm erwacht zum Leben bei IM Petrovskiy – Duong.

An Brett 3 ist die Position zweischneidig und komplex, was sich am Zeitverbrauch insbesondere des Nachziehenden bemerkbar macht: Für über 20 Züge verbleiben Markus Böhme hier nur noch rund 15 Minuten plus Inkrement; sein Kontrahent dagegen steht bei noch gut 40 Minuten Restbedenkzeit.

Die Partie an Tisch 2 ist vorbei: IM Vadym Petrovskiy gelingt die Liquidierung in ein Endspiel mit Dame, Läufer und vier Bauern gegen Dame und fünf Bauern. Den technischen Teil möchte sich Quang nicht mehr zeigen lassen und erklärt sich geschlagen. Damit grüßt der letztjährige Zweite mit makellosen 4/4 vom Platz an der Sonne, während der Lokalmatador etwas zurückfällt.

Und GM Li Min Peng schließt zu seinem Vereinskameraden auf: Stück für Stück nahm er in seiner Partie gegen FM Lukas Stöttner das Heft des Handelns in die Hand und spielte seinen Widersacher sehenswert am Königsflügel aus. Als dann der schwarze Turm auf die zweite Reihe eingedrungen war, hatte der Anziehende schließlich genug gesehen und hisste die weiße Flagge.

Die Schlussstellung bei FM Stöttner – GM Peng: Weiß gab auf.

Hart gekämpft wird nach wie vor an Tisch 3: Bei noch rund zehn Zügen bis zur Zeitkontrolle steht FM Nikolas Schenk-Pogan bei rund zwölf Minuten Restbedenkzeit; Markus Böhme sind keine fünf Minuten mehr verblieben. Weiß nennt eine Mehrqualität sein Eigen und kann hier einigermaßen risikoarm auf den vollen Punkt spielen.

Eine seltene Materialverteilung gibt es an Brett 17 zwischen Kurt Kaufmann und Jan Kermer zu sehen: Weiß verfügt noch über Springer, Läufer und einen Bauern, Schwarz über Turm und vier Bauern. Der schwarze Turm wird auf h7 allerdings vom weißen Bauern auf h6 und dem Läufer auf g7 eingesperrt, dafür kann der Monarch des Nachziehenden die eigenen Bauern unterstützen. Es lohnt sich, hier zuzuschauen.

Markus Böhme hat an Tisch 3 inzwischen einen ganzen Turm für einen Bauern weniger. Dem Anziehenden ist allerdings auch nur noch ein einziger Bauer verblieben. Die Zeitkontrolle ist geschafft; hier könnte sich ein interessantes Endspiel anbahnen.

Noch ein halbes Dutzend Partien laufen in dieser Nachmittagsrunde.

Als Nächstes endet die Begegnung an Brett 3: FM Nikolas Schenk-Pogan trägt den Sieg über Markus Böhme davon und hält mit nunmehr 3½/4 Tuchfühlung zur Spitze. Markus steht nach seinem ersten Punktverlust im Turnier jetzt bei 3/4.

Nichts mehr zu machen für Schwarz in FM Schenk-Pogan – Böhme.

Drei Partien sind noch im Gange. Bei Kaufmann – Kermer kämpfen inzwischen Läufer und Springer gegen zwei verbundene Freibauern. Verlieren kann Weiß das nicht mehr; vielmehr ist die Frage, ob das Publikum womöglich in den Genuss kommen wird, die Mattführung mit Springer und Läufer demonstriert zu bekommen.

Noch zwei spannende Kämpfe werden hier im großen Saal ausgefochten: Neben Kaufmann – Kermer ist dies noch die Begegnung an Tisch 14, Max Reuter gegen Wladislaw Berlizov. Der Anziehende hat hier ein klar vorteilhaftes Endspiel erreicht, doch in Zeitnot kann bekanntlich viel passieren.

Und dies ist zugleich auch die letzte Partie der laufenden Runde: Kurt Kaufmann und Jan Kermer teilen den Punkt.

Und nun steht auch hier das Ergebnis fest: Max Reuter bezwingt nach einer gut geführten Partie verdient den höher gesetzten Wladislaw Berlizov und steht nun bei 3/4. Für Wladislaw war der heutige Tag hingegen einer, den er morgen ganz schnell wieder vergessen machen möchte.

Wir prüfen nun noch einmal alle Ergebnisse und nehmen anschließend die Auslosung vor, die Ihr dann auch zeitnah im Internet finden werdet. Für heute beenden wir das Liveblog, bedanken uns fürs Mitlesen und wünschen Euch noch einen schönen Abend.

Bis morgen um 9 Uhr, wenn es im Wittelsbacher Schloss dann wieder heißt: „Bretter frei!“


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