Ich bin ein großer Schachlehrer. Ihr wisst es natürlich. Mehrere Weltmeister gingen durch meine Schule, Details bleiben geheim. Keiner meiner Schüler wurde nicht Weltmeister. Also überlegt es euch, ich habe aktuell überraschend noch freie Termine: wm-werden@schachfreund-norris.champ.
Damit ihr dabei keinen Zug spielt, den ihr nicht durchrechnen könnt, gebe ich euch hier eine kostenlose Probelektion: Ich erkläre euch die Rochade. So fing auch mein Unterricht für Weltmeister Steinitz an. Auf Englisch heißt rochieren „to castle“. Also ein Schloss oder eine Burg machen. Praktisch wie im Sandkasten, für die Jüngeren unter euch. Wir machen in einer Ecke des Brettes ein Häufchen aus Bauern, dann kommt noch ein Wachturm dazu und dutzi-dutzi der König rein. Der kleine Steinitz war begeistert.
Mein Unterricht ist sehr gründlich. Daher erkläre ich euch als Anfang genau, was ein Schloss ist. Stellt euch vor, ein König sitzt auf der Bahnhofstraße und bettelt. Das geht nicht. Also sitzt er in einem Schloss. Ein Schloss sitzt in jeder Tür. Die Bahnhofstraße hat viele Türen. Überlegt euch selbst, welche Schlösser ihr hieraus ziehen könnt. Das ist eure erste Aufgabe.
Tja, Schach ist knifflig. Das ist eure erste Lektion. Aber ich habe es gemeistert. Ich habe den universellen Gewinnzug gefunden. Verrate ich euch aber nicht. Sonst ist das Spielen langweilig. Und ihr braucht mich nicht mehr als Trainer.
Als dieser führe ich euch nun durchs Schloss. Das Wittelsbacher Schloss Friedberg. Wo im November wieder unser Open reinrochiert. Ludwig II., genannt der Strenge, ließ den Vorgängerbau um 1257 errichten. Hier in dieser Ecke des Treppenhauses ist von beiden noch ein bisschen Staub präserviert. Sein Urgroßvater Otto I. hatte die Dynastie der Wittelsbacher begründet, als Kaiser Barbarossa ihn mit dem Herzogtum Bayern belehnte. (An dieser Stelle möchten wir alle zusammen inbrünstig die Bayernhymne intonieren, wie es an bayrischen Schulen künftig allmorgendlich Sitte sein wird und an den Arbeitsplätzen bald ebenso.)
Etliche Generationen und genauso viele königlich bayrische Heldentaten später kulminierte das Geschlecht der Wittelsbacher in einem weiteren Otto I., der dreißig Jahre König war, aber nie regierte, da er geisteskrank war. Er rauchte täglich 30 bis 40 Zigaretten und nahm zum Anzünden stets eine ganze Handvoll Streichhölzer. Wir sind mit unserer Führung nun im großen Saal angelangt, wo ihr Schach spielen werdet. Das mit den Streichhölzern macht ihr hier bitte nicht nach.
Merkt euch als Quintessenz unserer ersten Lektion dafür nun Folgendes: Macht euren König zum Otto. Behandelt ihn wie einen Unzurechnungsfähigen. Schützt ihn, verhätschelt ihn, schenkt ihm die Rochade. Im Endspiel aber darf er dann eine Metamorphose erfahren und zu Otto I. von Wittelsbach werden, dem hymnischen Dynastiegründer, indem er sich aus seiner Burg ins gegnerische Lager aufmacht und es erobert. So wie ich die Schachwelt erobert habe.
Ich freue mich darauf, euch bald schon als Schüler aufzunehmen!
Euer Schachfreund Norris


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